Meine hundert besten Freunde

Und was ist mit den hundert besten Freunden von Thomas Judisch? Auch er liebt es, Geschichten zu erzählen. Je hintergründiger, ironischer, je absurder, gebrochener, umso lieber. Von seinen hundert besten Freunden jedenfalls erzählen nur die mit weißen Hussen überzogenen drei Stehtische. Und die Sektgläser – einhundert an der Zahl. Sie stehen, liegen wild in dem ganzen Raum verteilt, auf den Tischen, den Fensterbänken, dem Fußboden –  als wäre die Festgesellschaft in Hektik aufgebrochen. Nicht gleich, sondern jetzt, sofort. Gleichwohl spürt man die Feiernden noch, man meint man noch Wortfetzen zu hören, viel zu lautes Lachen, gar das Klirren der Gläser. Die Stimmung muss hier geradezu ekstatisch gewesen sein, ein völliger Ausnahmezustand, eine Glückseligkeit. […]

Fingerabdrücke auf den Gläsern und manchen Kussmund darauf auch. Wer oder was hat sie in die Flucht getrieben? Die Angst vor Covid 19? War einer der Gäste hier ein Superspreader? Um Gotteswillen! Das wünscht man niemanden, weder dem Virusträger, noch den Infizierten. Diese scheinbar leichte Installation, sie lädt sich sofort auf mit all diesen Fragen: was, wäre, wenn. Es beruhigt auch nicht sonderlich, wenn man weiß, dass Thomas Judisch uns nur mal wieder in die Irre führt. Seine Sektgläser wirken täuschend echt, sie sind aber dennoch aus Wachs. Aus ihnen hat niemand getrunken, wird niemand trinken. Egal, das Bild in unserem Auge wird von Frage zu Frage unheimlicher. So einfach ist es eben nicht mit dem Sehen. Sehen heißt ja nicht, die Realität eins zu eins im Gehirn zu spiegeln. Unser Auge ist ein Meister im Verdrängen. Es filtert, strukturiert, sortiert – und sortiert aus. Und manchmal fügt es auch Dinge dazu, Dinge, die gar nicht da sind. Thomas Judisch ist jedenfalls ein Meister der Augentäuschung. Seine raumgreifende Installation ist der beste Beweis dafür. [..] (Auszug der Eröffnungsrede von Adina Rieckmann zur Ausstellung im Kunsthaus Raskolnikow, Dresden)